REFERENZEN


"I paint from remembered landscapes that I carry with me - and remembered feelings of them, which of course become transformed. I could certainly never mirror nature. I would more like to paint what it leaves with me."

Joan Mitchell

Nicht die Natur abbilden, wie sie sich augenscheinlich darstellt, sondern die von einer Landschaft, von Wasser, von Licht ausgelösten Gefühle malen - mit diesen Worten formulierte Joan Mitchell, bedeutende Vertreterin des Abstrakten Expressionismus, ihr künstlerisches Programm. Die Anregungen für ihre Malerei fand Joan Mitchell in der Natur, doch sie übersetzte sie in freie farbexpressive Gestaltungen, die dem Gesehenen und Erinnerten kaum mehr auf einer visuellen, als vielmehr einer emotional-assoziativen Ebene entsprechen.

Alma Görings künstlerisches Credo könnte wohl sehr ähnlich lauten. Auch ihre farbexpressiven Gestaltungen sind Erinnerungsbilder, in denen Erlebtes bzw. die davon ausgelösten Empfindungen anklingen. Und nicht weniger entschieden ist ihr Bekenntnis zur Abstraktion im Sinne einer gestischen Malerei, die nicht festen Kompositionsregeln zu folgen scheint, sondern mehr auf Improvisation und dem freien dynamischen Ausdruck der kraftvollen Farben beruht.
Hier rast der Pinselstrich über die in tonigen Nuancen großflächig bemalte Leinwand, um sich in der Diagonale zu wirren Linienknäueln zu verdichten- "Isalo". Dort staffeln sich Schicht über Schicht Bahnen von gebrochenem bis reinem Weiß vor dem schwarzen Malgrund, der immer wieder dunkel die hellen Schichten durchbricht und den Blick des Betrachters in die Tiefe zieht - "Tattadesa". "Beyond the Wall" - eine kalligrafisch anmutende Formsetzung stemmt sich vor verwaschenem Gelb kraftvoll dem ausufernden Schwarz der linken Bildhälfte entgegen.

Bevorzugt verwendet Alma Göring großformatige Leinwände, die ihr einen raumgreifenden Malgestus erlauben. Selbstbewusst nimmt die Farbe - die Künstlerin arbeitet ausschließlich mit Acrylfarbe, der sie durch Beimengung von Pigmenten Brillanz verleiht - die Fläche in Besitz: Mit energiegeladener Impulsivität schleudert Alma Göring die Farbe auf den Bildträger, vermalt sie im schnellen Stakkato kurzer vehementer Pinselstriche oder mit dem Schwung des ganzen Arms. Pastos aufgetragen oder dünnflüssig vermalt, ergießt sich die Farbe als breiter Strom oder dünnes Rinnsal auf die Leinwand, verdichtet sich zu kompakten Flächenformen oder breitet sich als nebulöser Schleier über den Malgrund.

Nur zurückhaltend werden den Farberuptionen grafische Elemente entgegensetzt - rohe Kritzelspuren zumeist, die an unbewusste archaische Formen des Gestaltens erinnern.
Ästhetischen Reiz beziehen die Kompositionen aus der Spannung von Linie und Flächenform, von Kalkül und Improvisation, von verschwenderischer Fülle und Reduktion sowie ihrer kraftvollen subjektiv-emotionalen Farbigkeit und nicht zuletzt in ihrer außerordentlichen physischen Präsenz. Immer wieder werden im künstlerischen Prozess destruktive Energien freigesetzt. Alma Görings Malerei kennt die Zerstörung, den ikonoklastischen Anschlag - mit der Drahtbürste etwa - auf das Bild, das nicht gelingen will. Die Emotion, der Körpereinsatz und die Kraftanstrengung, mit der die Gestaltung für die Künstlerin verbunden ist, teilen sich uns auch im fertigen Bild noch mit. Seine Betrachtung wird zum intensiven körperlichen Erlebnis.

Alma Göring tritt nicht mit einer Vorstellung vom fertigen Bild oder einer wie auch immer gearteten Darstellungsabsicht an die Staffelei heran. Auch wo neben frei erfundenen Zeichen erkennbar Figürliches zum Vorschein kommt, handelt es sich zunächst meist um unwillkürliche Formsetzungen. Vage deutet sich in "Her" eine weibliche Büste zeichnerisch vor der Folie eines rot-grünen Farbakkords im Hintergrund an. Eine sich in langen Farbrinnsalen auflösende schwarze Kastenform assoziiert die Figur des weinenden Blinden in "When a Blind Man Cries".


Immer wieder unterbricht der kontrollierte Zugriff den in hohem Maße von der spontanen Gebärde und dem Mitwirken des Faktors Zufall bestimmten Malprozess, um Vorgefundenes zu strukturieren und akzentuieren: "Happy Girl" zeigt die formatfüllende Gestalt eines kleinen Mädchens, von der Künstlerin im rohen Duktus einer Kinderzeichnung mit leuchtenden Neonfarben auf die Leinwand gesprüht. Eine ähnlich konkrete Motivik lassen ihre Arbeiten sonst auch da kaum jemals erkennen, wo ihre Titel ein Thema nahelegen. Vielfach nehmen diese auf Reiseerlebnisse der Künstlerin Bezug: "Tattadesa", zu Deutsch etwa "verdorrtes Land" - ein alter Name der Ebene von Bagan in Myanmar, "Isalo" - ein Nationalpark im südlichen Hochland von Madagaskar. Es handelt sich um exotische Toponyme, Namen von Landschaften, Städten und Regionen in Asien und Afrika, die Alma Göring bereist hat. In der Zusammenschau werden die Gemälde zu einer Art Atlas von Stationen im Leben der Malerin, ohne dabei jemals naturalistische Wiedergabe sichtbarer Wirklichkeit zu sein. Dem Sinn des Titels entspricht die Gestaltung allein durch die von ihr ausgelöste Empfindung.

Ob der Betrachter, der sich - angezogen von der ungestümen Kraft der Farben oder der geheimnisvollen Tiefgründigkeit der Bildräume - auf die Reise durch Alma Görings bildnerischen Kosmos begibt, dabei an dieselben Orte gelangt, sich dem freien Spiel der Assoziationen hingibt oder mit seiner eigenen Gefühlswelt konfrontieren lässt, ist nicht entscheidend. Die Arbeiten haben keine Botschaft und wollen nichts bedeuten. Sie stellen sich uns als Projektionsflächen für eigene Gedanken und Emotionen zur Verfügung. Auch in diesem Sinn erfüllen sie in bester Weise den Anspruch eines weiteren Vertreters jener Tradition abstrakter Malerei, in der auch Alma Göring sich bewegt:

"The final test of a painting", schrieb Franz Kline, "theirs, mine, any other, is: does the painter's emotion come across?"
Was die Bilder Alma Görings betrifft, bleibt darauf zu antworten: "Yes, it does!"

Barbara Reil
Kunsthistorikerin, Leiterin Stadtmuseum Lindau

Januar 2017




Laudatio zur Austellung Malerei in Oberteuringen

Zu Beginn ein Statement des Abstrakten Expressionisten Frank Stella: "Was man sieht, ist, was man sieht". 1947 stellte der Kunstsammler und Psychiater Ottomar Dominik in seinem Buch "Die schöpferischen Kräfte in der abstrakten Malerei" den 1916 in Frankreich gefallenen Künstler Franc Marc als "Wegbereiter der Abstraktion" dar. In ihm entdeckte Ottomar Dominik einen Künstler, der lange um eine Formulierung in der Kunst gerungen hatte. Für Franc Marc war das Ergebnis seiner Malerei ein Erlebnis von Farbe - Form - Inhalt - Mensch - Tier - Abstraktion und Gegenständlichkeit. Für ihn waren all diese Aspekte gleich bedeutsam und folglich untrennbar ineinander verwoben. In der "Art News", einem zwischen 1940 und 52 erschienenen amerikanischen Kunstmagazin, bezeichnet der Kunstkritiker Herold Rosenberg den Abstrakten Expressionismus als "Diktat des Unbewussten". Das Dripping des Künstlers Jackson Pollock schuf aus seiner Sicht während des Malvorgangs grenzenlose Freiheit. Rosenberg bezeichnet dabei unter anderem das rücksichtslose Herauspressen der Farbe aus der Tube direkt auf die Leinwand als einen Akt der Anarchie. So unter anderen bei den Künstlern Franz Kline, Wilhelm de Kooning oder Philip Guston und Joan Mitchell. Die Künstlerin Alma Göring trägt die Farbe spontan auf, wodurch die malerische Geste unmittelbar präsent wird. In der Entstehungsphase findet sie die Balance zwischen autonomer Farbe. so viel wie möglich, ohne die Form zu strangulieren, aber so wenig wie möglich, ohne Gefahr zu laufen in eine Sackgasse zu geraten. Hierbei werden die Gefühle nicht nur beschrieben, sondern auf möglichst direktem Weg in ihre Bilder übertragen, spontan und ohne Beschränkung. Ihre Bilder flüstern uns zu, was sie sagen möchten und schicken den Betrachter unter dem Diktat des Malens auf eine Reise ins Unbekannte. Mit dem vollen Risiko auch zu scheitern. Doch allein mit dem "sich treiben lassen" ist es nicht getan. Nur wenn wir ihren Bildern so passiv wie möglich gegenüber stehen, können uns diese die Bestimmungen des Freiheitsgefühls und den euphorischen Aufbruch immer wieder entdecken lassen. Je tiefer der Betrachter in die Bilder von Alma Göring hinein taucht, desto mehr erkennt er die Idee in ihren Bildern: Vision und Erleben durch die Reisen an die verschiedensten Orte dieser Welt. Keine Erklärung vermag uns die Mühe abzunehmen, ihre Bilder zu verstehen und immer wieder nachzuvollziehen. Dabei kann der Zufall eine Rolle spielen, dies ist auch sehr bedeutend damit das malerische Abenteuer beginnen kann. Alma Görings Bildersprache ist keine gebundene Bildwelt oder ein dokumentarisches Abbild zugunsten einer Alltagswirklichkeit, sondern eine subjektive Reise, die, angeregt durch den Zufall, Emotionalität und Gestik miteinander verbindet. Wir betrachten hier Alma Görings individuelle dynamische Bildwelten. Die Reise beginnt mit Subjektivität, Zufall und Spontanität auf der Basis eine emotionalen und gestischen Ausdrucks und endet in der konkreten Bilderwelt der Künstlerin. In sich selbst findet die Künstlerin Alma Göring Strukturen, erzählerische Bildformulierungen, treibende Energie und Kraft. Farbbahnen liegen direkt neben rasenden Pinselhieben und neben übereinander tobenden Farbschichtungen oder umgekehrt. Kompositorische Flächen, Linien und Strukturen sind informell von großer Offenheit und gehören zu ihrem Repertoire. Ihre Farbpalette ist die Reflektion der Spontanität und Kontrolle. Der Bildträger wird zum Schlachtfeld des malerischen Geschehens. Die Auseinandersetzung mit der Malerei und der Leinwand steht im Vordergrund ihrer Arbeit. Bei Alma Göring ist anfänglich das Malen das eigentliche Ereignis, nicht das Bild.
In diesem Sinne: Man sieht und so ist es.
Antoino Zecca
08.04.2016



Alma Göring
Mit ihrer spontanen, gestisch-expressiven Malerei, und den kräftigen Farben knüpft die Malerin Alma Göring an die Tradition des Abstrakten Expressionismus an, wissend um die notwendige Weiterführung und Veränderung. Merkmale wie Spontanität, Emotionen und Kraft erscheinen hierbei wichtiger als das durchkomponierte Bild. Bei genauer Betrachtung wird jedoch genau dieser "Feinschliff" erkennbar, ohne auf die expressive Direktheit verzichtet zu haben.
Alma Göring entwickelt ihre Bilder aus freier malerischer Gestaltung. Im Zentrum stehen die Farben, die maßgeblich durch die Emotionen und Gefühlslage der Künstlerin ihre Tiefe gewinnen. Über die Farbe und den kräftigen Pinsel-Duktus gelingt ihr die unbewusste Wahrnehmung aus dem alle Erfahrung und Wissen zustande kommen, zu zeigen. Bezüge zur sichtbaren Realität sind in ihren Bildern meist nicht vorhanden. Es ist also nicht die Wiedergabe des Gesehenen, sondern der Gefühle, die das Gesehene in ihr wachgerufen hat und den direkten Ausdruck auf der Leinwand findet. So ist es auch kein Widerspruch wenn sie ihren Bildern Titel gibt, denn sie selbst sieht und spürt welcher Situation das Bild zuzuordnen ist. Inspiriert und geprägt ist die Malerei u.a. durch Reisen nach Indien und Süd-Ost-Asien. Es sind die intensiven Erlebnisse, bei denen Landschaften, Begebenheiten und Menschen unvergessliche Spuren hinterlassen. Diese finden sich auch in vielen Bildtiteln wieder. Doch sind es nicht immer nur Alma Görings Reisen, es sind einfach besonders tief gehende Eindrücke die Ihre Malerei prägen und auf den meist großformatigen Leinwänden zum Ausdruck gebracht werden.
Jedes Bild wird die eingebrachte Energie auf den Betrachter zurückgeben.
Geben Sie sich hierzu die notwendige Zeit!

Stephan Fritsch
Künstler und Leiter der Kunstakademie Salzburg
2014




Pressestimmen - Südkurier 2017
Pressestimmen - Schwäbische Zeitung 2017

Pressestimmen - Südkurier 2016
Pressestimmen - Schwäbische Zeitung 2016

Pressestimmen - Südkurier 2014
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